Der Österreicher Martin Reiter kommt 1995 ins Tacheles, arbeitet als Tresenkraft im Zapata und betreibt einen Robo-Shop auf der Hoffläche, wo er Rechnerschrott zu Installationen verarbeitet. Früher war er Rockmusiker. Noch als enger Freund des späteren Gegners, Künstlers und Zapata-Betreibers Ludwig Eben wird er 1999 in den Vorstand des Tacheles Trägervereins gewählt.
In diesen Jahren formuliert Reiter die Grundzüge eines obskuren Programms, eine Mischung aus Gangsterkapitalismus, Kunstdiktatur und Kleingartenkolonie. So erklärt er in der regelmäßig verschickten „Infopost“ Gewinnmaximierung zum zentralen Ziel des Vereins („soviel Einnahme wie möglich aus der Ruine rausziehen“), erklärt aber zugleich die Musik zu einem bloß „kommerziellen“, also nicht „künstlerischen“ Bereich. Der Unterschied der Kunstmedien Bild und Ton wird ideologisch aufgeladen. Der Musikbereich soll sogar keine Förderungen mehr beantragen dürfen. Den Rauswurf missliebiger Künstler begründet Reiter argumentfrei mit „Umweltverschmutzung“ – durch die Künstler. Auch das Theater wird als Kunstform für tot erklärt und abgewickelt. Reiter wird Kunstpapst.
Im März 2002 wird er zum letzten Mal als Mitglied eines sechsköpfigen Vorstands bestätigt. Intern gibt es bereits Streit zwischen Verein und Zapata. Das Zapata darf an der Abstimmung vorsichtshalber nicht teilnehmen. Katrin Maßmann, die damals das staatlich geförderte Tacheles-Theater leitet, wird auch gewählt, aber schon bald aus dem Vorstand verbannt und zu Sitzungen nicht mehr eingeladen, das Theater zur Vermietung freigegeben. Maßmann ist als Partnerin Ebens zu Zapata-nah. Ohne Absprache, gar demokratische Abstimmung stimmt der Vorstand neuen Bars im Haus und auf der Freifläche zu – Konkurrenz zum durch Bauarbeiten und 11. September finanziell angeschlagenen Zapata, das seit 1990 das Haus querfinanziert.
Von anderen Bars war noch keine Rede gewesen, als Zapata-Chef Ludwig Eben Ende 2001 600000€ Brauerei-Kredite für Verein und Zapata besorgt hatte. Dafür steht er in der Haftung. Zugleich tauchen überhöhte Betriebskostenabrechnungen ans Zapata auf. Es kristallisiert sich heraus: Der Verein will das international renommierte Musikcafé selbst übernehmen. „Erst machen wir sie pleite, dann klagen wir sie raus“ tönt es aus dem Vereinsumfeld. Natürlich ohne einen Abstand für Ebens neue Einbauten zu zahlen. Es habe ihn ja niemand dazu aufgefordert, Geld zu investieren, wird ihm in einer Email mitgeteilt. Eben hatte als Kompromiss vorgeschlagen, dass ein Nachmieter – gegen Abstand – das Zapata übernimmt. Reiter schlägt das Angebot aus. Das könne sich der Verein nicht leisten. Gewinnmaximierung lässt grüßen.
Schon nach zwei Monaten tritt der in den Vorstand gewählte Journalist Mathew de Rose zurück. Er hat den Berliner Bankenskandal mit aufgeklärt, aber am Tacheles will er sich nicht die Finger verbrennen – Reiter hatte ihm mit einer Rufmord-Kampagne gedroht, wenn er die harte Linie kritisiert. In seiner Rücktrittserklärung kritisiert er dennoch Martin Reiter und seine Anhänger im Vorstand in scharfen Worten für autokratische Praktiken, intransparenten Umgang mit Geldern, gar Selbstbereicherung und ihre ideologisch aufgeheizte Haltung gegenüber dem Café Zapata. http://www.kunsthaus-tacheles.de/history/documents/mathew-d-rose-begrundet-seinen-rucktritt-vom-vorstandsamt/
Als das Zapata nach weiteren Einigungsversuchen die Mietzahlungen einstellt und anwaltlich droht, will der Tacheles e.V. räumen lassen. In öffentlichen Stellungnahmen wird das Zapata zum uneinsichtigen Aggressor erklärt und vorgerechnet, wie viel das Zapata, selbst ein Betrieb, der tausende von Musikern und Künstlern unterstützt hat, Kunst und Künstlern im Haus nun schuldet – ein Betrag, der seither regelmäßig aktualisiert dem Gegner um die Ohren gehauen wird: 418000€ sind es inzwischen. Völlig unkommerzielle Überlegungen, versteht sich. Darum werden sie noch neun Jahre später – und trotz zahlreicher weiterer Einigungsversuche – im Tacheles-Gebäude auf A1-Plakaten vom Verein verkündet.
Der Vorstand reduziert die Presseabteilung zum Kampagneninstrument. Der Kunstpapst will im Recht bleiben. Der Verein, eigentlich Ort für solche Debatten, wird Partei, schließt renitente Mitglieder aus und setzt auf Ausgrenzung. Das ist der letzte Baustein einer fatalen Strategie: Innere Streitigkeiten werden öffentlich ausgetragen, parteiische Standpunkte als Meinung des gesamten Tacheles dargestellt und Gerichte sollen diese bestätigen: Für das Kunsthaus beginnt die Talfahrt.
Die Unterscheidung von Kunst und Kommerz wird über die Jahre zum routinierten Feindbild. Die Grenze verläuft aus Sicht des Vereins ausgerechnet zwischen dem Tacheles e.V. und seinen immer zahlreicheren Gegnern im Haus – großteils Künstler. Der Verein hingegen vermietet inzwischen ehemalige Galerieräume an Import-Schmuck-Händler – auch an den zahlreichen Bars und Musikveranstaltungen im Haus verdient der Verein mit. Rechenschaftsberichte, geschweige denn Vorstandswahlen gibt es seit 2002 hingegen keine mehr. Laut Satzung ist beides jährlich vorgesehen.
So wird der tatsächliche Konflikt durch orwellsches Neusprech verschleiert, lautet doch der Grundsatz des Vereins: Wer nicht für den Verein wirtschaftet, wirtschaftet gegen ihn. Reiters Partnerin Ragna Strohauer hatte bereits 2001 in der Auseinandersetzung zwischen Verein und Zapata um die Offenbar hervorgehoben: „Gegen diese Bar sein heißt, dagegen sein, dass der Verein Geld verdient = vereinsschädigend“. Geld verdienen müssen doch alle, hatte hingegen de Rose damals zu bedenken gegeben.
Doch der Verein hat im Kommerz anderer einen Sündenbock gefunden. Auch für die heftigen Müll-, Hygiene- und Sicherheits-Problemen ist mit dem hausinternen Gegner ein Schuldiger benannt. Müllberge und verstopfte Klos gibt es allerdings nur im Reiter-Flügel des Hauses. Über Müllabfuhr, Reinigung und Security mit den Parteien im Haus reden will er hingegen nicht, geschweige denn etwas dafür ausgeben. Vor der Presse zeigt sich Reiter mit Besen: Er reinigt das Treppenhaus selbst. Für die Kunst, versteht sich.
Doch vor Gericht scheitert der Verein. Auch Wasser- und Stromabschaltung lassen sich vom Zapata gerichtlich verhindern. Die e.V.-Gegner bleiben im Tacheles. Sie werden sogar stärker. Denn Reiter legt sich mit immer mehr Künstlern an, stellt über 1000 Anzeigen und führt dutzende weitere Prozesse. Die Metallwerkstatt lässt er räumen – Metallkünstler Arda hatte die Miete drei Tage zu spät gezahlt. Der siedelt sich stattdessen auf der Freifläche an. Trauriger Höhepunkt ist eine Anzeige Reiters gegen Ebens minderjährigen Sohn: Als Crack-Dealer. Das Verfahren wird als unbegründet eingestellt. Durch den vom Verein verlorenen Prozess der HSH Nordbank um Mietforderungen 2009 kommt das finanzielle Aus: Der Tacheles e.V. muss Insolvenz anmelden. Die Vereins-Gegner können sich hingegen gerichtlich gegen die Forderungen der Bank wehren.
Anläufe zu Tacheles-Reformen und Proteste gegen Reiters Führungsstil gibt es zahllose. Im März 2010 demonstrieren rund 20 Metall- und andere Künstler im Vereinsbüro: Sie wollen ein Ende der Auseinandersetzungen und verlangen Reformen. Reiter tippt lieber Emails in den Rechner. Vielleicht schreibt er wieder an die Kanzlerin? Kurz: Alles verläuft im Sand. Aussitzen heißt Reiters Devise. Mitte 2010 schließen sich die Reformer zur Gruppe Tacheles zusammen, gestehen in einem offenen Brief Fehler ein und schlagen Aufarbeitung, gegenseitiges Verzeihen und bedingungslose Verhandlungen vor.
Der Verein winkt ab und bezeichnet die rund 100 Gegner im Haus als Mafiosi, Betrüger, Zuhälter und Faschisten, darunter Mitglieder von SPD und Grünen. Zapata-Chef Ludwig Eben, Mit-Initiator der Gruppe Tacheles, ist noch heute der Hauptgegner. Ihn disst der Verein zuletzt Ende Februar auf Facebook als geistig behinderten, drogensüchtigen Kleinwüchsigen.
Noch Anfang März 2011 verteilt der Österreicher Pamphlete in der Tacheles-Nachbarschaft, in denen er mit Pressesprecherin Linda Cerna zu weiteren Lärmanzeigen gegen das Café Zapata aufruft – Kunstkataloge liegen bei. „Die letztklassige Zapata-Bar und ihr rein kommerzielles Umfeld schaden dem Tacheles von Beginn an“. Er selbst veranstaltet freilich Techno-Parties im Theatersaal, der im Gegensatz zum Zapata über keinen Lärmschutz verfügt, und betreibt im ehemaligen Vereinsbüro eine Bar.
Politisch positioniert sich Reiter zu aktuellen Themen mit schrillen Parolen und fabuliert etwa von baldigen Napalm-Einsätzen gegen Demonstranten und der Herstellung von Lampenschirmen aus der Haut Arbeitsloser. Die Politik spiele ein „perfides Theaterstück“, um von der „Diktatur des Marktes“ abzulenken, „egal ob Gelb, Grün oder Lila“.
Selbst betreibt er mit öffentlichen Rufmordkampagnen, Anzeigen und knallharten Prozessen eine Mini-Diktatur. Das Zapata besuchen darf keiner seiner Leute. Allerdings ist der Kreis der Anhänger zusammengeschrumpft: Vom gewählten Vorstand ist nur noch er selbst übrig geblieben, an seiner Seite seine Partnerin Ragna Strohauer und die Pressesprecherin Linda Cerna, die er auch gleich zur Kuratorin ernannt hat. Auch Petrov Ahner, der die erfolgreiche „Save the Tacheles“-Kampagne ins Leben rief, Künstlerin Barbara Fragogna oder Videofilmer Ton Belowsky bekennen sich zur bizarren Ideologie des Tacheles-Vereins. Der Maler Volker Witte meint hingegen, dass er sich zum Streit nicht positionieren wolle: Er hat Angst, dass Reiter das Atelier kündigt. Andere, Tim Roeloffs oder Mediengruppe Telekommander, denken bereits um: Schluss mit Streit.
Doch selbst eine Aufarbeitung der vergangenen Jahre will Reiter verhindern. Die Internet-Publikation von Reiter veröffentlichter Infobriefe will er letztes Jahr gerichtlich unterbinden und fordert Schadensersatz – wegen Copyright. Wie ist es da noch zu verstehen, wenn er zum 21. Geburtstag des Tacheles im Februar 2011 ein Verbotsschild ausstellt: „Aus urheberrechtlichen Gründen ist jegliches Leben sofort einzustellen“. Zynisch? Gaga? Im Tacheles gibt es dafür inzwischen ein Wort: Martin Reiter.
Insgesamt wurden im Tacheles über 150 Prozesse mit rund 400000€ Gesamtkosten – für beide Seiten – geführt.