.Sommer der Liebe DO 02. DEZEMBER 2010

Diesen Sommer haben sich die Leute um den Zapata-Betreiber Ludwig Eben als Gruppe Tacheles organisiert, etwa 30 Künstler, Freaks und Gastronomen. Sogar Mitglieder von SPD und Grünen sind mit dabei. Sie setzen nach jahrelangem hausinternen Streit auf einen Strategiewechsel im Konflikt mit dem Tacheles e.V. und seinem Vorstand Martin Reiter: Konflikte sollen entschärft, das Tacheles demokratisiert und das Areal durch Anmietung oder Kauf für alle dort arbeitenden Künstler erhalten bleiben. Als erstes entsteht der Tacheles-Song:

Über dem Tacheles-Areal will die Gruppe ein Denkmal der Freiheit und Versöhnung errichten: Der Berliner Riesenkranz mit einem Durchmesser von 130 Metern und über 2000 Tonnen Gewicht. Der Grundstein steht schon. Zudem planen sie einen Architekturwettbewerb für neue Künstler-Quartiere. Und es werden unter www.kunsthaus-tacheles.de eigene Internetseiten für Künstler aufgebaut. Die Gruppe will öffentlich endlich wieder mit Kunst und Debatte punkten statt mit Streit nerven. So schließen sich mit den Metallkünstlern weitere Mitstreiter der neuen Gruppe an.

Vom Streit wollen allerdings auch viele der rund 30 Künstler und Betriebe im Reiter-Flügel nichts mehr hören. Die Popart-Crew um Tim Roeloffs etwa, die im dritten Stock Drucke und Postkarten greller Punkpop-Collagen vercheckt: »Kultur kann man nicht kaufen« steht auf einer. Auf einer anderen: »Mallorca ist nicht hier«. Frieden wäre toll, allein: Es fehlt nach fast zehn Jahren bis aufs Blut geführtem Streit der Glaube.

Ein weiterer Künstler, der namentlich nicht genannt werden will, fände eine Einigung gut, hat aber Angst um sein Atelier: Was passiert, wenn Reiter kündigt? Zu den Treffen will er also lieber nicht kommen. Überall im Haus hängen die Plakate vom letzten Beef eines rausgeworfenen Künstlers mit Reiter: »Die Kunst geht weiter auch ohne Reiter«. Dieser hat den Slogan einfach übernommen und plakatiert selbst. Gehen will er vorerst nicht. Er sei ein Diktator, der seine Gegner im Haus gezielt mit Anzeigen, Klagen und Rufmordkampagnen verdränge, meinen seine immer zahlreicheren Gegner. Eben sei ein Ballermann-Raffzahn, ein Gewaltverbrecher heißt es von der Gegenseite. »Faschos raus« postet der Tacheles e.V. auf Facebook.

Da jedoch die Künstler aus dem Martin-Reiter-Flügel des Gebäudes, den Ateliers und Arbeitsräumen in den Stockwerken über dem Haupteingang des Tacheles, großteils nicht zu den wöchentlichen Tacheles-Reform-Treffen erscheinen, ist Anfang Oktober beschlossene Sache: Wenn der Reiter-Flügel bei der Demokratie nicht mitmachen will, drehen wir ihm das Wasser ab, zumal der Verdacht besteht, dass das Wasser mutwillig verschwendet wird. Seit der Insolvenz des Vereins vor zwei Jahren kommen Mitglieder der Gruppe Tacheles für die Wasserkosten des gesamten Hauses auf. In den Jahren davor hatte der Verein die Betriebskosten gezahlt – per Gerichtsbeschluss, denn freiwillig schenkt man sich im Tacheles nichts – seit 2002 der Streit zwischen dem Café Zapata und dem Tacheles-Verein ausbrach. Jetzt heißt es von der Gruppe Tacheles: Wer Wasser will, soll sich in Verbindung setzen und endlich über Reformen reden. Und für eigenen Verbrauch zahlen.

Beat-Frickler Flo kommt schließlich doch zur Demokraten-Versammlung. Er ist Mieter des Tacheles e.V. Im Kunsthaus Tacheles bekämpfen sich zwei unversöhnliche Parteien, meint er. Der Konflikt müsse auf höchster Ebene geklärt werden. Er könne keine Wasserliefer-Vereinbarung mit Eben treffen ohne sich in dem Konflikt zu positionieren. Doch langsam, aber sicher bewegt sich etwas: Er und einige andere Künstler wollen schließlich doch eine Vereinbarung mit Eben treffen.

Der Fotokünstler Petrov Ahner, der die »Save the Tacheles«-Kampagne mit tausenden von Teilnehmern weltweit initiiert hat, setzt auf dem Kunsthaus-Portal auf Facebook hingegen auf Konfrontation: Mit dem irren Ballermann-Gastronom Ludwig Eben könne man nicht verhandeln. Für e.V.-Vorstand Martin Reiter ist es ohnehin ausgemachte Sache: Trotz Strategiewechsel der Gegenseite lehnt er alle Gespräche ab und fordert im gleichen Atemzug 418.000 € Mietnachzahlungen. Keine Verhandlungen mit der Café-Mafia, mit Verbrechern, Betrügern, Dieben und Verrätern, bezahlten Handlangern der Banken heißt es vom Verein. Lieber sitzt man auf dem Trockenen. Trotz vorsichtiger Angebote der Gruppe Tacheles, sich in einem offenen Gespräch, notfalls unter Einsatz von Vermittlern, vielleicht doch noch irgendwie einig zu werden. Auch über das Geld. Aber dafür müsste Reiter sich von der Macht lösen.

Martin Reiter herrscht heute gemeinsam mit seiner Partnerin Ragna Strohauer und Pressesprecherin Linda Cerna über ein bröckelndes Reich. Mitgliederversammlungen finden kaum noch, die früher jährlichen Vorstandswahlen gar nicht mehr statt – sie scheitern seit Jahren an gegenseitiger Blockade der Gruppen im Haus. Der Mietvertrag des Tacheles-Vereins ist abgelaufen und die vom Gläubiger HSH Nordbank eingesetzte Zwangsverwaltung hat ihre Räumungsklage gegen den Verein gewonnen und diesen in die Insolvenz geklagt.

Seit zwei Jahren: Räumungsversuche und Schikanen. Doch Untergang war beim Tacheles schon oft. Noch können wir es schaffen, meinen viele der Künstler. Also schreibt Martin Reiter Petitionen, sammelt Unterschriften, führt Interviews. Und Ludwig Eben weist per Rechtsgutachten nach, dass der Tacheles-Verkauf in den Neunzigern von der öffentlichen Hand für nichtig erklärt werden muss. Das Grundstück fiele dann an den Bund zurück. Das ging im Spätsommer durch die Presse und beschäftigt Ausschüsse.

Im Herbst brennen nachts auf der Freifläche Feuer. Musik ist in der Luft. Der Pyrofessor gibt seine Feuershow. Im Zapata läuft Cumbia Rockers. Schwitzende, schreiende Fans. Nebenan Hiphop-Battle. Im Haus kriecht eine halbnackte Frau als Teil einer Performance auf dem Boden. Ausstellungseröffnung, Weihrauchduft in der Luft. Es wird gefilmt und geknipst.

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