.Tim Africa: In eigener Sache
DO 09. DEZEMBER 2010

Manchmal muss man sich Freiheiten nehmen. Nach zehn Jahren erbittertem Streit im Tacheles, Ablaufen der Mietverträge und Insolvenz des Tacheles-Vereins ist es auch für das Kunsthaus Tacheles an der Zeit. Denn bald wird es keinen Verein mehr geben und damit auch keinen Vereinsvorstand Martin Reiter, keine Vereins-Presseabteilung und auch keine Mietzahlungen mehr von Besetzern an andere Besetzer. Die Karten werden neu gemischt.

Das ist auch gut so, denn Kunst braucht keine Bevormundung, sondern Standpunkte. Darum ist die public Beta des neuen ArtSpace www.kunsthaus-tacheles.de offener konzipiert als alles, was im Tacheles in der Vergangenheit an digitalen Strukturen entstanden ist. Jeder Künstler kann Inhalte auf eigenen Seiten posten. Neue Inhalte werden mit auf der Hauptseite und auf Facebook gepostet.

Um allen Tachelesen mehr Öffentlichkeit zu ermöglichen, haben wir uns einem rechtlichen Modell verpflichtet, das die nicht-kommerzielle Verbreitung von Kunst erlaubt (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/). Die Gruppe um Martin Reiter pocht hingegen auf Privateigentum an jpg-Dateien und Hyperlinks, will gar Archiv-Texte aus der Geschichte des Tacheles – allesamt als Flyer oder Newsletter öffentlich verteilt – gerichtlich offline nehmen lassen, 1200€ Schadensersatz. Wikileaks: http://www.kunsthaus-tacheles.de/institution/history/.

Es gibt keine Zukunft ohne Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – beim Tacheles oft so erhellend wie die Dokumentation von Klaus Tuschen von 1992: Streit und konträre Energien gab es im Tacheles neben fantastischer Kunst schon immer: http://www.kunsthaus-tacheles.de/1992/11/25/aufgestanden-in-ruinen/) – und es gab auch journalistische Formen der Darstellung. Das ist meine Aufgabe als Redakteur der neuen Seite: Ich dokumentiere. Ich führe Interviews, transkribiere, lasse Inhalte autorisieren und halte meine Meinung raus. Mehr nicht und nicht weniger.

Ich kann es also nur mit Gelassenheit sehen: Natürlich wird niemand zur Nutzung neuer Möglichkeiten gezwungen. Natürlich werden historische Standpunkte weiterhin nüchtern und ausgewogen dokumentiert, weil es richtig ist, weil es faszinierend ist – erlaubt ist es sowieso. Die Öffnung des Hauses wird ohnehin schrittweise Realität. Denn jetzt ist nicht nur, wie Beuys sagte, jeder ein Künstler, sondern ab jetzt ist auch jeder Künstler ein Bürger des Tacheles: Die neue Seite ist für Postings von allen Künstlern offen, die die offene Philosophie des Hauses mit ihrer Arbeit unterstützen. So wird eine Ära gegenseitiger Blockade allmählich Geschichte.

Die Gruppe Tacheles hat als Zusammenschluss von Tachelesen in den letzten Monaten Neuerungen umgesetzt und eine viel beachtete Strategie zur Rettung des Hauses entwickelt. Hier vertrete ich klare Standpunkte, die auf http://www.tacheles.info nachzulesen ist: Musealisierung und Denkmalschutz, allzu deutsche “wir verklagen euch”-Mentalität und der Versuch, mit linksextremen Parolen aus der Mottenkiste von K-Gruppen Geld von der Politik zu erpressen, sind gescheiterte Ansätze des Tacheles e.V.

Das Tacheles ist ein Verein freier Menschen. Freiheit ist eine kollektive Praxis. Das ist meine Philosophie. Das neue Portal folgt diesem Gedanken und lädt alle dazu ein, ein gemeinsames Tacheles zu bauen. Ich freue mich auf Eure Arbeit, Eure Ideen und Eure Lust! Bitte lasst Angst, Wut und Frustration draußen.

Das anale Imperium kollabiert.

Tim Africa, Pressesprecher Gruppe Tacheles

Comments are closed.