Grüne fordern: Einigt Euch | Kritik am Tacheles immer lauter SA 12. MÄRZ 2011

In getrennten Gesprächen mit der Gruppe Tacheles und Martin Reiter [Tacheles e.V.] verknüpfen die Berliner Grünen eine nachhaltige Unterstützung für das Haus mit einer Lösung der internen Streitigkeiten. Auch das Ausbleiben von Kulturfördermitteln seit 2002 stehe in direktem Zusammenhang mit dem Zerwürfnis hieß es von Vertretern der Grünen-Fraktion.

Unterdes spitzt sich der interne Streit wieder zu. Bereits in den letzten Monaten hatte sich der Tacheles e.V. als Reaktion auf Verhandlungsangebote der im Sommer gegründeten Gruppe Tacheles auf A1-Plakaten vom neuen Zusammenschlusses distanziert: „Alkoholismus ist keine Kunst“ heißt es dort, insbesondere mit Blick auf die im Zapata stattfindenden Pubcrawls.

„Pubcrawls sind scheiße, aber notwendig, um Kunst und Musikveranstaltungen zu finanzieren“ heißt es dazu von der Gruppe Tacheles. Im übrigen finanziere sich der Verein doch selbst durch Clubs und Bars im Gebäude und vermiete ehemalige Galerieflächen an Import-Schmuckhändler. Mit Musikveranstaltungen, u.a. mit dem Haus der Kulturen der Welt oder dem Festival für Musik und Politik, eigenen Werkstätten [Kalerie, Emma-Goldman-Hotel und der verbündeten Metallwerkstatt], dem Aufbau von neuen Arbeits- und Präsentationsstätten auf dem Gelände und im Internet setze man ohnehin auf ein künstlerisches Profil. „Einige von uns seit 21 Jahren“.

Auslöser der jahrelangen Streitigkeiten ist ein Mietboykott. Zahlreiche Tachelesen hatten als Reaktion auf Vereinssauschlüsse und Räumungsversuche die Mietzahlungen an den Verein bis zu Vorstands-Neuwahlen auf Eis gelegt und fordern die Demokratisierung des Tacheles. Erfolglos. Martin Reiter erklärt die Demokratisierung zu einem Bluff und Erpressungsversuch. Die – laut Satzung – jährlichen Vorstandswahlen lassen darum mittlerweile seit neun Jahren auf sich warten.

Auf Facebook legte der Tacheles e.V. in den letzten Wochen nach und bezeichnete die rund 100 Gegner im Haus erneut als Mafiosi, Betrüger, Zuhälter und Faschisten, darunter Mitglieder von SPD und Grünen. Zapata-Chef Ludwig Eben, Mit-Initiator der Gruppe Tacheles, gilt als Hauptgegner und wird als geistig behinderter, drogensüchtiger Kleinwüchsiger bezeichnet. Bis 2002 hatte er mit seinem Alternativbetrieb das Haus querfinanziert. „Wenn es reguläre Neuwahlen gibt, zahle ich wieder“ betont er.

In ungebrochener Kampfstimmung zündelt Martin Reiter jedoch weiter und verteilt Pamphlete in der Tacheles-Nachbarschaft, in denen er zu weiteren Lärmanzeigen gegen das Café Zapata aufruft. Hintergrund der verstärkten Lärmanzeigen in den letzten Monaten sei jedoch u.a. die vom Tacheles e.V. im ersten Stock des Hauses im ehemaligen Vereinsbüro neu eröffnete Bar heißt es von der Gruppe Tacheles: „Das Zapata hat den effektivsten Lärmschutz in Berlin-Mitte“.

In dem von Reiter und Pressesprecherin Linda Cerna unterzeichneten Schreiben, dem „als Dankeschön“ Ausstellungskataloge beiliegen, heißt es: „Wir versichern ihnen, dass wir mit Pub Crawling, Komasaufen, Drogendealern und rücksichtsloser Lärmverursachung nichts zu tun haben (…). Die letztklassige Zapata-Bar und ihr rein kommerzielles Umfeld schaden dem Tacheles von Beginn an“. Der Verein weigere sich seit Jahren, sich an gemeinsamen Sicherheits-, Lärm- und Müllstrategien für das Haus zu beteiligen und lasse das Haus verwahrlosen, heißt es dazu von der Gruppe Tacheles.

Man könne den Nachbarn mit Ordnern von Materialien belegen, dass Herr Eben „das Tacheles in den vergangenen elf Jahren mit über hundert Prozessen überzogen“ habe „nur um seine Verträge nicht einhalten zu müssen“. Insgesamt wurden im Tacheles über 150 Prozesse mit rund 400000€ Gesamtkosten – für beide Seiten – geführt. „Wir wollen endlich den Ausstieg aus der Hassspirale“ erklärt die Sprecherin der Gruppe Tacheles Katrin Maßmann. Sie ist selbst Mitglied des fünfköpfigen Tacheles-e.V.-Vorstands und betreute früher das Theater  – bis Martin Reiter den staatlich geförderten Theaterbereich abwickelte und den Raum zur Vermietung freigab. Als Vorstand tritt er heute allein auf.

Hintergrund für Reiters neue Kampagne könnte neben der Absage durch die Grünen auch das Auftauchen eines satirischen Martin-Reiter-Songs auf Youtube sein, in dem er sich als „Mr. Tacheles“ den wohlwollenden Friedensaufrufen von Rosa Luxemburg, John Lennon und Mahatma Gandhi mit überdrehten Hassparolen widersetzt.

„Die Leute müssen denken: Das Tacheles ist verrückt geworden“ heißt es in einer ersten Stellungnahme von Katrin Maßmann am Telefon: „Unsere De-Eskalations-Strategie ist offensichtlich endgültig gescheitert“.

Eben und Maßmann wollen nun Anzeige gegen Martin Reiter und Linda Cerna erstatten und auf Unterlassung klagen. Dennoch betonte Maßmann, dass man weiter für Verhandlungen offen sei. „Nur mit wem? Die Künstler im Haus sind entweder stumm, beleidigt oder aus Frust ausgezogen. Und Reiter hat sich viel zu tief reingeritten, um jemals zurück zu können“. Das öffentliche Austragen interner Streitigkeiten müsse jedoch endlich der Vergangenheit angehören. „Wir wollen doch im Grunde das gleiche: Einen einzigartigen Freiraum mit Strahlkraft in alle Welt erhalten und mit neuer Kunst beleben“ betont die Sprecherin der Gruppe Tacheles.

Schützenhilfe erhält der Tacheles e.V. von überraschender Seite: Laut Shopping-Mall-König Harm Müller-Spreer in der taz geht es im Tacheles nur „um Kommerz“. Allerdings meint er das ganze Haus.

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